Innerhalb weniger Tage im Juni veränderte sich unsere Wildtierstation gleich viermal. Zunächst erreichten uns zwei kleine Rehkitze aus dem Raum Neukloster. Sie wurden von unterschiedlichen Menschen gefunden und unabhängig voneinander zu uns gebracht. Doch ihre Schicksale ähnelten sich auf tragische Weise. Das eine lag völlig entkräftet auf einem Radweg und wurde über einen Tierarzt zu uns vermittelt. Das andere fand ein Jagdpächter geschwächt auf einem Waldweg. Beide waren bereits so kraftlos, dass ihre Notlage eindeutig erkennbar war und Hilfe dringend erforderlich wurde. Wir vermuten, dass beide Kitze ihre Mutter verloren hatten, wahrscheinlich infolge eines Verkehrsunfalls. Ohne ihre Ricke hätten sie in der freien Natur keine Überlebenschance mehr gehabt.
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| geschwächt und hungrig |
Während sich die beiden langsam aneinander gewöhnten und gemeinsam ins Leben zurückfanden, ahnte noch niemand, dass ihre kleine Gruppe schon bald wachsen würde, denn nur wenige Tage später erreichte uns ein weiterer Hilferuf. Aufmerksame Menschen hatten bereits seit zwei Tagen immer wieder das Fiepen eines Rehkitzes gehört. Schließlich machten sie sich auf die Suche. Zum Glück fanden sie den Grund des Fiepens. Ein kleines Rehkitz lehnte mit letzter Kraft an einem Strommast. Zu schwach, um weiterzulaufen, zu erschöpft, um sich noch in Sicherheit zu bringen. Da sie rund 80 Kilometer von unserer Wildtierstation entfernt gefunden wurde, organisierten engagierte Tierfreunde kurzerhand eine Fahrkette. Das Kitz war so geschwächt, dass wir sie noch im Auto tränkten. So gelangte Gerda schließlich sicher zu uns und durfte zu den beiden Rehkitzen aus Neukloster ziehen.
Die Eingewöhnung fiel ihr zunächst nicht leicht. Die beiden anderen waren bereits in einem sehr viel besserem Zustand und hatten bereits Vertrauen zueinander gefasst, während Gerda erst ihren Platz in der kleinen Gruppe finden musste. Doch auch das sollte sich schon bald ändern. Ein viertes Rehkitz wurde zu uns gebracht, nachdem zunächst versucht worden war, es in Einzelhaltung mit der Flasche aufzuziehen. In bester Absicht, aber ohne zu wissen, wie anspruchsvoll und zeitintensiv die Aufzucht von Rehkitzen tatsächlich ist.
Rehkitze gehören zu den anspruchsvollsten Wildtieren, die wir betreuen. Sie benötigen je nach Alter Biest- oder Lämmermilch, regelmäßige Fütterungen,auch nachts, Maulwurfserde, später eine große Auswahl an Gräsern und Gestrüpp, viel Ruhe und gleichzeitig so wenig Kontakt zum Menschen wie möglich. Denn nur wenn sie ihre natürliche Scheu behalten, haben sie später die Chance auf ein selbstständiges Leben in Freiheit. Genau das ist das Ziel einer naturnahen Wildtieraufzucht und daher haben wir auch das vierte Kitz in unsere bestehende Gruppe integriert. Dort konnte es von Anfang an mit Artgenossen aufwachsen und natürliches Sozialverhalten entwickeln, eine wichtige Voraussetzung für ein späteres Leben in Freiheit. Heute ist von anfänglicher Zurückhaltung nichts mehr zu spüren. Ganz im Gegenteil: Gerda und das zuletzt hinzugekommene Kitz sind inzwischen unzertrennlich. Gemeinsam wird gespielt, geruht und neugierig die Umgebung erkundet. Aus vier kleinen Waisen ist eine harmonische Gemeinschaft geworden, die sich gegenseitig Sicherheit gibt.
Wenn alles weiterhin so gut verläuft, werden die vier nach dem Winter die nächsten Schritte Richtung Auswilderung machen. Bis dahin begleiten wir sie mit viel Geduld, Erfahrung und Herzblut, immer mit dem Wunsch, dass sie eines Tages gesund dorthin zurückkehren können, wo sie hingehören. Vor zwei Monaten waren es vier kleine Waisen mit ungewisser Zukunft. Heute sind sie eine kleine Familie und jeder gemeinsame Tag bringt sie ihrem größten Ziel ein Stück näher: der Rückkehr in die Freiheit.




